„Hamburg! Gerechte Stadt“ über Staat und Wohlfahrtsverbände

Kontrolle statt Vertrauen

„Zusammenraufen“, müsse man sich, erklärte Holger Stuhlmann, Leiter des Hamburger Amtes für Familie, man kenne und brauche sich. Daran ließ die Diskussion an diesem Abend keinen Zweifel. Es fielen offene Worte. Man hörte einander zu, nahm Kritik an, in wechselseitigem Vertrauen. Und doch war bei der Diskussion über „Soziales Unternehmertum und das Subsidiaritätsprinzip“ am 19. 2. 2019 spürbar, dass sich etwas verschoben hat im Verhältnis zwischen der Stadt und den Wohlfahrtsverbänden.

Vor 20 Jahren leiteten der britische Premier Tony Blair und der deutsche Kanzler Gerhard Schröder den Abschied vom Wohlfahrtsstaat historischer Prägung ein. „Fördern und Fordern“ sei die Maxime des neuen Modells, erklärte Christof Beckmann, Professor an der ev. Hochschule des Rauen Hauses. Aus Partnern im subsidiären System wurden Auftraggeber und Dienstleister.

Kein fachliches Interesse?

In Verhandlungen um Kosten und Konzepte wollten die Behördenvertreter fachliche Argumente nicht mehr hören, kritisierte eine der ca. 60 Teilnehmerinnen im Hamburger Haus der kirchlichen Dienste. „Die verdrehen die Augen“, sagte sie. Der Stadt gehe es um die Durchsetzung ihrer Konzepte zu möglichst günstigen Konditionen. So wie es sich Blair und Schröder vorgestellt hatten.

Das wollten die Fachleute im Auditorium nicht hinnehmen. Wenn die Stadt Hilfen mit Auflagen und Kontrollen verbinde, sei die Arbeit für randständige Menschen, wie Drogenabhängige und Prostituierte, gefährdet, warnte Stephan Nagel vom Diakonischen Werk.

Konzepte für die wachsende Stadt

Hamburg wachse jährlich um 25.000 Einwohner*innen, da würden neue Konzepte der sozialen Arbeit gebraucht, sagte Holger Stuhlmann. Die Diskussion müsse weitergehen. Auch kommerzielle Anbieter sozialer Dienstleistungen hocken in den Startlöchern und werden ein Wörtchen mitreden wollen. An diesem Abend waren sie nicht dabei.

Was tun? fragte Moderator Burghard Plemper zum Schluss. Tobias Woydack vom Diakoniehilfswerk kündigte an, man müsse neue Financiers finden, um diakonische Projekte unabhängig von der Stadt realisieren zu können. Die Kehrseite davon? Die Verbände entlassen die Stadt aus der Verantwortung.

Caritas-Chef Michael Edele erklärte den Umgang mit osteuropäischen Wohnungslosen, denen Hamburg – wie die anderen Bundesländer – Hilfen verweigert, zum Tabubruch. Der sei nicht hinnehmbar, könne aber auch nicht mit der Stadt allein verhandelt werden. Er fürchte die anstehende Europawahl, den wahrscheinlich wachsenden Einfluss von Populisten und Rassisten. „Und was wird, wenn das Steueraufkommen sinkt?“, sorgte er sich. Um dann entschlossen zu enden: „Wir müssen weitermachen.“

 

mehr auf der Kampagnen-Website der Diakonie Hamburg-West/Südholstein

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