Gefährdet: Projekt für Kinder im Frauenhaus Norderstedt

Starke Männer schlagen nicht

Till Majewski, Foto: Stefan Moes

„Wo ist der Hirtenstab?“ Drei Jungen suchen ein großformatiges Bild ab. Ein so genanntes Wimmelbild. „Wisst ihr, wie ein Hirtenstab aussieht?“ Die drei wissen es nicht. Till Majewski erklärt es ihnen. Unaufgeregt, sorgfältig, mit einfachen Sätzen, so dass es den Kindern vorkommt, als hätten sie etwas so Selbstverständliches immer gewusst. Und weiter geht´s. „Wer sieht die Eule?“

Zwei Mal in der Woche je vier Stunden können die Kinder, die mit ihren Müttern im Frauenhaus Schutz vor häuslicher Gewalt finden, zu Till Majewski kommen. Um eins soll es losgehen. Die Kinder sind pünktlich. Doch die Tür ist zu. Drinnen spricht der Pädagoge noch mit dem Reporter. Ein Kind klopft. „Wartet bitte. In zwei Minuten mache ich auf.“ Draußen bleibt es ruhig.

Ein sicherer Ort für Kinder

Foto: Stefan Moes

Fünf Kinder sind es an diesem Tag. Zwei Mädchen im Vorschulalter, drei circa zehnjährige Jungen. Sie begrüßen den Gast, fragen nach seinem Namen, und wenden sich ihren Spielen zu. Als er später Fotos macht, winkt keines in die Kamera, niemand macht Faxen. Und das sicher nicht, weil sie wissen, dass sie nicht im Bild sein werden. Sie sind hier, weil sie vier Stunden für sich haben möchten. Zeit, die ihnen gehört, in der es nur um sie geht. Till Majewski schenkt ihnen diese Zeit.

Kurz vorher traf der Reporter ihn zum ersten Mal im Gespräch mit dem Frauenhausteam. Ein extrovertierter 34-Jähriger, präsent, gern im Mittelpunkt stehend, ein Vielredner. „Nicht unsympathisch,“ dachte er. Aber auch: „Die armen Kinder.“

„In ihren Familien erfahren diese Kinder nur wenig Zuwendung. Sie lernen Erwachsene als unberechenbar kennen. Hier im Frauenhaus lernen sie Vertrauen. Sie treffen auf Erwachsene, auf die sie sich verlassen können,“ erklärt Anita Brüning, die Leiterin des Norderstedter Frauenhauses. „Till Majewski lebt ihnen vor, was  sie nicht kennen: einen sozial kompetenten Mann.“

Mit Gewalt zerstörte Kinderseelen

Im Kontakt mit Kindern ist der gelernte Erzieher hochkonzentriert, aber zurückgenommen: eine positive Energie geht von ihm aus. Die Kinder spüren Wohlwollen und Achtung: sie suchen seine Nähe. Die beiden Mädchen spielen Telefonieren. Sichtlich zufrieden sitzen die drei Jungen mit dem Pädagogen auf dem Sofa und sehen sich ein Bildersuchbuch an. Der Reporter hat viele Erziehungsprofis beobachtet. Aber noch nie einen Mann, der seine Profession so souverän beherrscht.

Eine halbe Stunde lang entdecken die Jungen nun schon neue Bilddetails. „Als ich vor drei Monaten anfing, waren zwei von ihnen nicht in der Lage, länger als 50 Sekunden bei der Sache zu bleiben,“ erklärt Till Majewski. „Wir haben uns das erarbeitet. Das ging nicht ohne Konflikte. Die Kinder machen die Erfahrung, dass sich Erwachsene entziehen.“ Wie hat er in so kurzer Zeit so viel erreicht? „Ich kam immer wieder. Öffnete Freiräume und setzte Grenzen. Die Verlässlichkeit stabilisiert die Kinder.“

Fachlichkeit hat ihren Preis

Doch leider geht es nicht weiter. Till Majewski will sein Studium der Sozialen Arbeit beenden und verlässt Hamburg. „Wir hätten Till gern behalten. Auch seine Vorgänger blieben nicht lange. Uns fehlen die Mittel,“ sagt Anita Brüning. „Einen Nachfolger können wir nur langfristig beschäftigen, wenn uns Spender helfen.“ Als der Reporter nach zwei Stunden aufbricht, sitzen die Jungen immer noch vor dem Bilderbuch. (sm)

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